AREAL28
Gedachtes und Gefundenes von Issa Sant & Jon M. Lennartz
31 Dezember, 2020
10 Februar, 2012
Zur Realität des Rechts
Baltasar Garzón ermittelte gegen Chiles Diktator Pinochet und zu den Verbrechen des spanischen Franco-Regimes. Nun ist er von Spaniens Oberstem Gerichtshof zu einer Geldstrafe und elfjährigem Berufsverbot verurteilt worden, weil er die Gespräche von korruptionsverdächtigen Häftlingen – darunter auch Gespräche mit ihren Anwälten – abhören ließ.
Damit habe er bewusst das Recht gebeugt, erklärte das Gericht. Die Urteilsbegründung wurde in ungewöhnlich scharfem Ton abgefasst: Garzón habe „Praktiken zugelassen, die sich in der heutigen Zeit nur in totalitären Regimen finden“, schreiben die sieben Richter des höchsten spanischen Gerichtes, die über Garzón zu befinden hatten. In einem zweiten Rechtsbeugungsverfahren gegen Garzón – es geht um seine Ermittlungen zu den Verbrechen des Franco-Regimes – steht das das Urteil noch aus.
Eine dritte Anklage wirft dem Richter Bestechlichkeit vor. Die Prozessflut gegen den Richter, der international bekannt wurde, als er 1998 den chilenischen Ex-Diktator Augusto Pinochet in London festnehmen ließ, hat zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen. Nach Ansicht von Human Rights Watch liegt der Verdacht nahe, „dass es um eine Vergeltung dafür geht, dass er umstrittene Fälle untersuchte“.
In dem nun beendeten Prozess ging es um Garzóns Ermittlungen gegen ein vor allem in Madrid und Valencia operierendes Korruptionsnetz, in das Unternehmer sowie Politiker der heute in Spanien regierenden konservativen Volkspartei (PP) verstrickt waren.
04 Februar, 2012
31 Januar, 2012
Zur Idee des Rechts
Das Recht ist der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit zusammen vereinigt werden kann.
Metaphysik der Sitten, Immanuel Kant
26 Dezember, 2011
War goes on
Sinead O'Connor live at Madison Square Garden 1992.
Kurz zuvor hatte sie der katholischen Kirche den Missbrauch von Kindern vorgeworfen und in einem Musikvideo des Liedes 'War' das Bild des Papstes zerrissen. Dieses Lied singt sie spontan wieder, als die Menschen im Madison Square Garden sie ausbuhen.
24 Dezember, 2011
23 Dezember, 2011
A Christmas Carol
Erstaunlicherweise eine wirklich gute Disney-Version des Klassikers von Charles Dickens aus dem Jahre 2009. Frohe Weihnachten.
Labels:
Film
26 November, 2011
13 November, 2011
22 Oktober, 2011
Zeit 5 - Umberto Eco
Adson von Melk:
"Mir bleibt nur zu schweigen. O quam salubre, quam iucundum et suave est sedere in solitudine et tacere et loqui cum Deo! Bald schon werde ich wiedervereint sein mit meinem Ursprung, und ich glaube nicht mehr, daß es der Gott der Herrlichkeit ist, von welchem mir die Äbte meines Ordens erzählten, auch nicht der Gott der Freude, wie einst die Minderen Brüder glaubten, vielleicht nicht einmal der Gott der Barmherzigkeit.
Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier... Ich werde versinken in der göttlichen Finsternis, in ein Stillschweigen und unaussprechliches Einswerden, und in diesem Versinken wird verloren sein alles Gleich und Ungleich, in diesem Abgrund wird auch mein Geist sich verlieren und nichts mehr wissen von Gott noch von sich selbst noch von Gleich und Ungleich noch von nichts, gar nichts. Und ausgelöscht sein werden alle Unterschiede, ich werde eingehen in den einfältigen Grund, in die stille Wüste, in jenes Innerste, da niemand heimisch ist. Ich werde eintauchen in die wüste und öde Gottheit, darinnen ist weder Werk noch Bild...
Kalt ist's in meiner Zelle, der Daumen schmerzt mich. Ich gehe und hinterlasse dies Schreiben, ich weiß nicht für wen, ich weiß auch nicht mehr worüber: Stat rosa pristina nomine, nomina nuda teminus. Die Rose von einst steht nur noch als Name. Uns bleiben nur nackte Namen."
"Mir bleibt nur zu schweigen. O quam salubre, quam iucundum et suave est sedere in solitudine et tacere et loqui cum Deo! Bald schon werde ich wiedervereint sein mit meinem Ursprung, und ich glaube nicht mehr, daß es der Gott der Herrlichkeit ist, von welchem mir die Äbte meines Ordens erzählten, auch nicht der Gott der Freude, wie einst die Minderen Brüder glaubten, vielleicht nicht einmal der Gott der Barmherzigkeit.
Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier... Ich werde versinken in der göttlichen Finsternis, in ein Stillschweigen und unaussprechliches Einswerden, und in diesem Versinken wird verloren sein alles Gleich und Ungleich, in diesem Abgrund wird auch mein Geist sich verlieren und nichts mehr wissen von Gott noch von sich selbst noch von Gleich und Ungleich noch von nichts, gar nichts. Und ausgelöscht sein werden alle Unterschiede, ich werde eingehen in den einfältigen Grund, in die stille Wüste, in jenes Innerste, da niemand heimisch ist. Ich werde eintauchen in die wüste und öde Gottheit, darinnen ist weder Werk noch Bild...
Kalt ist's in meiner Zelle, der Daumen schmerzt mich. Ich gehe und hinterlasse dies Schreiben, ich weiß nicht für wen, ich weiß auch nicht mehr worüber: Stat rosa pristina nomine, nomina nuda teminus. Die Rose von einst steht nur noch als Name. Uns bleiben nur nackte Namen."
Der Name der Rose, Umberto Eco
15 Oktober, 2011
Time
“To-morrow, and to-morrow, and to-morrow,
Creeps in this petty pace from day to day,
To the last syllable of recorded time;
And all our yesterdays have lighted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle!
Life's but a walking shadow, a poor player,
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.”
Creeps in this petty pace from day to day,
To the last syllable of recorded time;
And all our yesterdays have lighted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle!
Life's but a walking shadow, a poor player,
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more. It is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.”
William Shakespeare, Macbeth
Time
"When the shadow of the sash appeared on the curtains it was between
seven and eight o' clock and then I was in time again, hearing the
watch. It was Grandfather's and when Father gave it to me he said I give
you the mausoleum of all hope and desire; it's rather excruciating-ly
apt that you will use it to gain the reducto absurdum of all human
experience which can fit your individual needs no better than it fitted
his or his father's. I give it to you not that you may remember time,
but that you might forget it now and then for a moment and not spend all
your breath trying to conquer it. Because no battle is ever won he
said."
The Sound and the Fury, William Faulkner
Labels:
Zeit
Gedicht
EURYDICE A human has a body Just one, like one alone, The soul has had enough Of its continuous frame With all its ears and eyes The size of a silver coin And skin like scarves on scarves, As if hung on a rack. It flies out through the cornea Into the heavenly clearness, Upon the icy spoke, Upon the bird-drawn chariot And listens through the bars Of its own living prison To the crack of woods and fields, To the horn of seven seas. A bodiless soul is shameful, Like a body without its garment, - No reasoning or deed, No impetus or line. A riddle without solution: Who will return again, From dancing on that stage, Where nobody is dancing? And I dream of another Soul dressed in different clothes: It burns and runs across From timidity to hope, With fire that leaves the earth, Like spirit without a shadow, Leaving a bunch of lilac On the table for remembrance. Run, child, don't lament For poor Eurydice, And chase your copper hoop With a stick around the world, While, still hardly audible, Joyfully and dryly, In answer to each step The earth resounds in your ears.
arseni tarkowski
Gedicht
EINE GENERATION
Die schwarze Nacht gab mir schwarze Augen,
Doch ich suche mit ihnen das Licht.
Die schwarze Nacht gab mir schwarze Augen,
Doch ich suche mit ihnen das Licht.
4/79, Gu Cheng
14 Oktober, 2011
Zeit 4 - Jacques Derrida
"Die Ruine ist in meinen Augen nichts Negatives, kein negativer Gegenstand. Zunächst einmal ist sie offensichtlich überhaupt kein Gegenstand, kein Ding. Ich würde gerne (vielleicht mit Benjamin oder im Gefolge Benjamins, vielleicht aber auch gegen ihn), eine kurze Abhandlung über die Liebe zu den Ruinen, über die Ruinenliebe abfassen. Was kann man denn sonst lieben? Man kann ein Denkmal, eine Bauart, ein Gebäude, eine Institution nur in dem Maße lieben, indem man die prekäre Erfahrung ihrer Zerbrechlichkeit macht: sie sind nicht immer da-gewesen, sie werden nicht immer da-sein, sie sind endlich. Als Sterblicher liebe ich sie genau deshalb, ich liebe ihr Sterbliches, ich liebe sie - sterblich, endlich, durch ihre Geburt und ihren Tod hindurch, durch das Gespenst oder den schattenhaften Umriß ihrer, meiner Ruine, die sie schon sind oder schon andeuten. Wie soll, wie kann man anders lieben als in solcher Endlichkeit? Woher würde sonst - wie würde anders das Recht zu lieben, ja die Liebe des Rechts und des Rechten, (uns zu)kommen?"
Gesetzeskraft, Jacques Derrida
10 Oktober, 2011
06 Oktober, 2011
The Crossing II
“There is but one world and everything that is imaginable is necessary
to it. For this world also which seems to us a thing of stone and flower
and blood is not a thing at all but is a tale. And all in it is a tale
and each tale the sum of all lesser tales and yet these are also the
selfsame tale and contain as well all else within them. So everything is
necessary. Every least thing. This is the hard lesson. Nothing can be
dispensed with. Nothing despised. Because the seams are hid from us, you
see. The joinery. The way in which the world is made. We have no way to
know what could be taken away. What omitted. We have no way to tell
what might stand and what might fall. And those seams that are hid from
us are of course in the tale itself and the tale has no abode or place
of beind except in the telling only and there it lives and makes its
home and therefore we can never be done with the telling. Of the telling
there is no end. And . . . in whatever . . . place by whatever . . .
name or by no name at all . . . all tales are one. Rightly heard all
tales are one.”
Cormac McCarthy, The Crossing
05 Oktober, 2011
The Crossing I
“It had ceased raining in the night and he walked out on the road and
called for the dog. He called and called. Standing in that inexplicable
darkness. Where there was no sound anywhere save only the wind. After a
while he sat in the road. He took off his hat and placed it on the
tarmac before him and he bowed his head and held his face in his hands
and wept. He sat there for a long time and after a while the east did
gray and after a while the right and godmade sun did rise, once again,
for all and without distinction.”
Cormac McCarthy, The Crossing
03 Oktober, 2011
Wenigstens bin ich nicht unschuldig
Labels:
Heimat und das Böse,
Politik
Von Issa
naki haha ya
umi miru tabi ni
miru tabi ni
my dead mother -
every time I see the ocean
every time...
Issa, 1812
Zeit 3 - Max Frisch
"Lange bevor wir uns selbst als sterblich begreifen, haben wir die Erfahrung von Zeit als Vergängnis, das sehr frühe Erlebnis, dass das Leben immerzu eine Todesrichtung hat. Ohne diese Erfahrung würde sich die Sinnfrage nicht stellen. Ohne die Sinnfrage, ob sie dann eine Antwort findet oder in die Verzweiflung führt, gibt es den Menschen nicht. ...
Was von uns bleibt: eine Unsumme wieder verfügbarer Atome als Baustoff für immer andere Organismen oder auch Nichtorganismen; eine endliche Unsumme, irrelavant in der unendlichen Geistmaterie mit ihren Pulsaren und Schwarzen Löchern etc. ... Auf der Welt sein: Im Licht sein. ... Standhalten der Zeit, der Ewigkeit im Augenblick. Ewig sein: Gewesen sein."
Was von uns bleibt: eine Unsumme wieder verfügbarer Atome als Baustoff für immer andere Organismen oder auch Nichtorganismen; eine endliche Unsumme, irrelavant in der unendlichen Geistmaterie mit ihren Pulsaren und Schwarzen Löchern etc. ... Auf der Welt sein: Im Licht sein. ... Standhalten der Zeit, der Ewigkeit im Augenblick. Ewig sein: Gewesen sein."
Subjekt II
Die Schriften von Michel Foucault gelten all denen, die das Konzept des "Subjekts" in jeglicher Weise aus den Formationen der Kunst, Philosophie und Geschichte ausschließen möchten, als machtvoller Beleg ihrer Position. Die frühen Texte legen eine solche Generalattacke auf das Subjekt auch nahe. Doch später wandeln sich Tonfall und Stoßrichtung von Foucaults Analysen. Ein Auszug aus dem Vortrag "Was ist Kritik?" von 1978 mag als Beispiel dienen:
"Mir scheint, dass es im modernen Abendland zwischen der erhabenen Unternehmung Kants und den kleinen polemisch-professionellen Aktivitäten, die den Namen 'Kritik' tragen, eine Gemeinsamkeit gibt: eine bestimmte Art zu denken, zu sagen, zu handeln auch, ein bestimmtes Verhältnis zu dem, was existiert, zu dem, was man weiß, zu dem, was man macht, ein Verhältnis zur Gesellschaft, zur Kultur, ein Verhältnis zu den anderen auch - etwas, was man die Haltung der Kritik nennen könnte.
Als Gegenstück zu den Regierungskünsten, gleichzeitig ihre Partnerin und ihre Widersacherin, als Weise ihnen zu mißtrauen, sie abzulehnen, sie zu begrenzen und sie auf ihr Maß zurückzuführen, sie zu transformieren, ihnen zu entwischen und doch auch als Linie der Entfaltung der Regierungskünste ist damals in Europa eine Kulturform entstanden, eine moralische und politische Haltung, eine Denkungsart, welche ich nenne: die Kunst nicht auf diese Weise und um diesen Preis regiert zu werden. Als erste Definition der Kritik schlage ich also die allgemeine Charakterisierung vor: DIE KUNST, NICHT DERMAßEN REGIERT ZU WERDEN.
Einige historische Anhaltspunkte:
1. In einer Epoche, in der die Menschenregierung wesentlich eine geistliche Kunst war bzw, eine religiöse Praktik, die an die Autorität der Kriche, an das Lehramt der Heiligen Schrift gebunden war, lief der Wille, nicht dermaßen regiert zu werden, darüber, dass man zur Heiligen Schrift ein anderes Verhältnis suchte als dasjenige, das mit der Lehre von Gott verbunden war; nicht regiert werden wollen hieß das kirchliche Lehramt verweigern, zurückweisen oder einschränken; es hieß zur Heiligen Schrift zurückkehren; schließlich hieß es sogar zu der einfachen Frage vordringen: Ist die Schrift wahr? Die Kritik ist historisch gesehen biblisch.
2. Nicht regiert werden wollen, nicht dermaßen regiert werden wollen, das heißt auch, diese Gesetze da nicht mehr annehmen wollen, weil sie ungerecht sind, weil sie unter ihrer Altehrwürdigkeit oder unter dem bedrohlichen Glanz, den ihnen der heutige Souverän verleiht, eine wesenhafte Unrechtmäßigkeit bergen. Unter diesem Gesichtspunkt heißt also Kritik: der Regierung und dem von ihr verlangten Gehorsam universale und unverjährbare Rechte entgegensetzen, denen sich jedwede Regierung unterwerfen muss. Hier ist die Kritik wesentlich juridisch.
3. 'Nicht regiert werden wollen' heißt schließlich auch: nicht als wahr annehmen, was eine Autorität als wahr ansagt, oder jedenfalls nicht etwas als wahr annehmen, WEIL eine Autorität es als wahr vorschreibt. Es heißt: etwas nur annehmen, wenn man die Gründe es anzunehmen selber für gut befindet. Dieses Mal geht die Kritik vom Problem der Gewißheit gegenüber der Autorität aus.
Die Bibel, das Recht, die Wissenschaft; die Schrift, die Natur, das Verhältnis zu sich; das Lehramt, das Gesetz, die Autorität des Dogmatismus. Man sieht, daß der Entstehungsherd der Kritik im wesentlichen das Bündel der Beziehungen zwischen der Macht, der Wahrheit und dem Subjekt ist. Wenn es sich bei der Regierungsintensivierung darum handelt, in einer sozialen Praxis die Individuen zu unterwerfen - und zwar durch Machtmechanismen, die sich auf Wahrheit berufen - dann würde ich sagen, ist die Kritik die Bewegung, in welcher sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin. Dann hätte die Kritik die Funktion der Entunterwerfung.
Diese Definition ist m.E. nicht weit entfernt von jener Definition, die Kant gegeben hat: allerdings nicht von der Kritik sondern von der Aufklärung. Tatsächlich hat Kant die Aufklärung im Verhältnis zu einem Zustand der Unmündigkeit definiert, in welchem die Menschheit - autoritärerweise - gehalten werde. Zweitens hat er diese Unmündigkeit als eine gewissen Unfähigkeit charakterisiert, in der die Menschheit gehalten werde: die Unfähigkeit, sich seines eigenen Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen. Drittens glaube ich, ist es charakteristisch, daß Kant diese Unfähigkeit durch eine bestimmte Beziehung zwischen einer übermäßigen Autorität und andererseits einem Mangel an Entschlossenheit und Mut definiert hat.
Es ließe sich nun leicht zeigen, daß für Kant selber jener Mut zum Wissen darin besteht, die Grenzen der Erkenntnis zu erkennen. Dem kritischen Unternehmen der Entunterwerfung bürdet er die vorgängige Erkenntnis der Erkenntnis auf. Anstatt über das Problem der Erkenntnis könnte das kritische Unternehmen aber auch über das Problem der Macht in die Frage der Aufklärung einsteigen: man möchte nicht wissen was wahr oder falsch, begründet oder nicht begründet, wirklich oder illusorisch, wissenschaftlich oder ideologisch, legitim oder mißbräuchlich ist. Man möchte wissen, welche Verbindungen, welche Verschränkungen zwischen Zwangsmechanismen und Erkenntniselementen aufgefunden werden können, welche Verweisungen und Stützungen sich zwischen ihnen entwickeln, wieso ein bestimmtes Erkenntniselement - sei es wahr oder wahrscheinlich oder ungewiß oder falsch - Machtwirkungen hervorbringt.
Es geht also nicht darum, zu beschreiben, was Wissen ist und was Macht ist und wie das eine das andere unterdrückt oder mißbraucht, sondern es geht darum, einen Nexus von Macht-Wissen zu charakterisieren, mit dem sich die Akzeptabilität eines Systems erfassen lässt. Eine solche Methode verzichte auf die Inkarnation einer Wesenheit, eine tiefe und einzige letzte Instanz der Erklärung, auf den einzigen Ursprung, auf die Idee einer gewissen Unausweichlichkeit oder Notwendigkeit. Kein Rekurs auf eine Grundlegung, keine Ausflucht in die reine Form: das ist einer der wichtigsten und anfechtbarsten Punkte dieses historisch-philosophischen Vorgehens.
Es geht um die Schaffung eines Netzes, welches ein Ereignis in der Welt als einen Effekt verständlich macht: daher müssen die Beziehungen vervielfältigt werden, müssen die verschiedenen Typen von Beziehungen, die verschiedenen Verkettungsnotwendigkeiten differenziert werden, müssen die Interaktionen und die zirkulären Aktionen entziffert werden, müssen heterogene Prozesse in ihrer Überlagerung betrachtet werden. Also ist einer solchen Analyse nichts fremder als die Verwerfung von Kausalität. Doch geht es nicht darum, verschiedene Phänomene auf eine Ursache zurückzuführen, sondern darum, eine singuläre Positivität gerade in ihrer Singularität einsichtig zu machen.
Es handelt sich also um eine Genealogie - eine Einsichtigmachung, die aber nicht in der Art einer Schließung vorgeht. Erstens weil die Beziehungen, die so einen singulären Effekt verständlich machen können, wenn schon nicht zur Gänze so doch in einem erheblichen Ausmaß Interaktionsbeziehungen zwischen Individuen oder Gruppen sind, d.h. sie implizieren Subjekte, Verhaltenstypen, Entscheidungen, Optionen. Die Basis dieses Netzes einsichtiger Beziehungen findet man also nicht in der Natur der Dinge, sondern in der eigenen Logik eines Spiels von Interaktionsbeziehungen mit seinen ständig wechselnden Margen von Ungewißheit. Und die Genealogie geht nicht als Schließung vor, weil das Netz der Beziehungen, die eine Singularität als Effekt einsichtig machen sollen, nicht eine einzige Ebene bildet. Es handelt sich um Beziehungen, die sich immer wieder voneinander loshaken. Es handelt sich also, schematisch ausgedrückt, um eine immerwährende Beweglichkeit, um eine wesenhafte Zerbrechlichkeit: um eine Verstrickung zwischen Prozeßerhaltung und Prozeßumformung.
Somit lautet die Frage nicht mehr: Welcher Irrtum, welche Illusion, welches Vergessen, welche Legitimitätsmängel haben die Erkenntnis dazu geführt, Herrschaftswirkungen zu entfalten, wie sie sich in der modernen Welt des übermächtigen Einflusses manifestieren? Vielmehr wäre die Frage: Wie kann die Unlöslichkeit des Wissens und der Macht im Spiel der vielfältigen Interaktionen und Strategien zu Singularitäten führen, die sich aufgrund ihrer Akzeptabilitätsbedingungen fixieren, und zugleich zu einem Feld von möglichen Öffnungen und Unentschiedenheiten, von eventuellen Umwendungen und Verschiebungen, welches sie fragil und unbeständig macht, welche aus jenen Effekten Ereignisse macht?
Wie können die Zwangswirkungen, die jenen Positivitäten eignen - anstatt durch eine Rückkehr zur rechtmäßigen Bestimmung der Erkenntnis - innerhalb des konkreten strategischen Feldes, das sie herbeigeführt hat umgekehrt oder entknotet werden? Eine Haltungsfrage."
"Mir scheint, dass es im modernen Abendland zwischen der erhabenen Unternehmung Kants und den kleinen polemisch-professionellen Aktivitäten, die den Namen 'Kritik' tragen, eine Gemeinsamkeit gibt: eine bestimmte Art zu denken, zu sagen, zu handeln auch, ein bestimmtes Verhältnis zu dem, was existiert, zu dem, was man weiß, zu dem, was man macht, ein Verhältnis zur Gesellschaft, zur Kultur, ein Verhältnis zu den anderen auch - etwas, was man die Haltung der Kritik nennen könnte.
Als Gegenstück zu den Regierungskünsten, gleichzeitig ihre Partnerin und ihre Widersacherin, als Weise ihnen zu mißtrauen, sie abzulehnen, sie zu begrenzen und sie auf ihr Maß zurückzuführen, sie zu transformieren, ihnen zu entwischen und doch auch als Linie der Entfaltung der Regierungskünste ist damals in Europa eine Kulturform entstanden, eine moralische und politische Haltung, eine Denkungsart, welche ich nenne: die Kunst nicht auf diese Weise und um diesen Preis regiert zu werden. Als erste Definition der Kritik schlage ich also die allgemeine Charakterisierung vor: DIE KUNST, NICHT DERMAßEN REGIERT ZU WERDEN.
Einige historische Anhaltspunkte:
1. In einer Epoche, in der die Menschenregierung wesentlich eine geistliche Kunst war bzw, eine religiöse Praktik, die an die Autorität der Kriche, an das Lehramt der Heiligen Schrift gebunden war, lief der Wille, nicht dermaßen regiert zu werden, darüber, dass man zur Heiligen Schrift ein anderes Verhältnis suchte als dasjenige, das mit der Lehre von Gott verbunden war; nicht regiert werden wollen hieß das kirchliche Lehramt verweigern, zurückweisen oder einschränken; es hieß zur Heiligen Schrift zurückkehren; schließlich hieß es sogar zu der einfachen Frage vordringen: Ist die Schrift wahr? Die Kritik ist historisch gesehen biblisch.
2. Nicht regiert werden wollen, nicht dermaßen regiert werden wollen, das heißt auch, diese Gesetze da nicht mehr annehmen wollen, weil sie ungerecht sind, weil sie unter ihrer Altehrwürdigkeit oder unter dem bedrohlichen Glanz, den ihnen der heutige Souverän verleiht, eine wesenhafte Unrechtmäßigkeit bergen. Unter diesem Gesichtspunkt heißt also Kritik: der Regierung und dem von ihr verlangten Gehorsam universale und unverjährbare Rechte entgegensetzen, denen sich jedwede Regierung unterwerfen muss. Hier ist die Kritik wesentlich juridisch.
3. 'Nicht regiert werden wollen' heißt schließlich auch: nicht als wahr annehmen, was eine Autorität als wahr ansagt, oder jedenfalls nicht etwas als wahr annehmen, WEIL eine Autorität es als wahr vorschreibt. Es heißt: etwas nur annehmen, wenn man die Gründe es anzunehmen selber für gut befindet. Dieses Mal geht die Kritik vom Problem der Gewißheit gegenüber der Autorität aus.
Die Bibel, das Recht, die Wissenschaft; die Schrift, die Natur, das Verhältnis zu sich; das Lehramt, das Gesetz, die Autorität des Dogmatismus. Man sieht, daß der Entstehungsherd der Kritik im wesentlichen das Bündel der Beziehungen zwischen der Macht, der Wahrheit und dem Subjekt ist. Wenn es sich bei der Regierungsintensivierung darum handelt, in einer sozialen Praxis die Individuen zu unterwerfen - und zwar durch Machtmechanismen, die sich auf Wahrheit berufen - dann würde ich sagen, ist die Kritik die Bewegung, in welcher sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin. Dann hätte die Kritik die Funktion der Entunterwerfung.
Diese Definition ist m.E. nicht weit entfernt von jener Definition, die Kant gegeben hat: allerdings nicht von der Kritik sondern von der Aufklärung. Tatsächlich hat Kant die Aufklärung im Verhältnis zu einem Zustand der Unmündigkeit definiert, in welchem die Menschheit - autoritärerweise - gehalten werde. Zweitens hat er diese Unmündigkeit als eine gewissen Unfähigkeit charakterisiert, in der die Menschheit gehalten werde: die Unfähigkeit, sich seines eigenen Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen. Drittens glaube ich, ist es charakteristisch, daß Kant diese Unfähigkeit durch eine bestimmte Beziehung zwischen einer übermäßigen Autorität und andererseits einem Mangel an Entschlossenheit und Mut definiert hat.
Es ließe sich nun leicht zeigen, daß für Kant selber jener Mut zum Wissen darin besteht, die Grenzen der Erkenntnis zu erkennen. Dem kritischen Unternehmen der Entunterwerfung bürdet er die vorgängige Erkenntnis der Erkenntnis auf. Anstatt über das Problem der Erkenntnis könnte das kritische Unternehmen aber auch über das Problem der Macht in die Frage der Aufklärung einsteigen: man möchte nicht wissen was wahr oder falsch, begründet oder nicht begründet, wirklich oder illusorisch, wissenschaftlich oder ideologisch, legitim oder mißbräuchlich ist. Man möchte wissen, welche Verbindungen, welche Verschränkungen zwischen Zwangsmechanismen und Erkenntniselementen aufgefunden werden können, welche Verweisungen und Stützungen sich zwischen ihnen entwickeln, wieso ein bestimmtes Erkenntniselement - sei es wahr oder wahrscheinlich oder ungewiß oder falsch - Machtwirkungen hervorbringt.
Es geht also nicht darum, zu beschreiben, was Wissen ist und was Macht ist und wie das eine das andere unterdrückt oder mißbraucht, sondern es geht darum, einen Nexus von Macht-Wissen zu charakterisieren, mit dem sich die Akzeptabilität eines Systems erfassen lässt. Eine solche Methode verzichte auf die Inkarnation einer Wesenheit, eine tiefe und einzige letzte Instanz der Erklärung, auf den einzigen Ursprung, auf die Idee einer gewissen Unausweichlichkeit oder Notwendigkeit. Kein Rekurs auf eine Grundlegung, keine Ausflucht in die reine Form: das ist einer der wichtigsten und anfechtbarsten Punkte dieses historisch-philosophischen Vorgehens.
Es geht um die Schaffung eines Netzes, welches ein Ereignis in der Welt als einen Effekt verständlich macht: daher müssen die Beziehungen vervielfältigt werden, müssen die verschiedenen Typen von Beziehungen, die verschiedenen Verkettungsnotwendigkeiten differenziert werden, müssen die Interaktionen und die zirkulären Aktionen entziffert werden, müssen heterogene Prozesse in ihrer Überlagerung betrachtet werden. Also ist einer solchen Analyse nichts fremder als die Verwerfung von Kausalität. Doch geht es nicht darum, verschiedene Phänomene auf eine Ursache zurückzuführen, sondern darum, eine singuläre Positivität gerade in ihrer Singularität einsichtig zu machen.
Es handelt sich also um eine Genealogie - eine Einsichtigmachung, die aber nicht in der Art einer Schließung vorgeht. Erstens weil die Beziehungen, die so einen singulären Effekt verständlich machen können, wenn schon nicht zur Gänze so doch in einem erheblichen Ausmaß Interaktionsbeziehungen zwischen Individuen oder Gruppen sind, d.h. sie implizieren Subjekte, Verhaltenstypen, Entscheidungen, Optionen. Die Basis dieses Netzes einsichtiger Beziehungen findet man also nicht in der Natur der Dinge, sondern in der eigenen Logik eines Spiels von Interaktionsbeziehungen mit seinen ständig wechselnden Margen von Ungewißheit. Und die Genealogie geht nicht als Schließung vor, weil das Netz der Beziehungen, die eine Singularität als Effekt einsichtig machen sollen, nicht eine einzige Ebene bildet. Es handelt sich um Beziehungen, die sich immer wieder voneinander loshaken. Es handelt sich also, schematisch ausgedrückt, um eine immerwährende Beweglichkeit, um eine wesenhafte Zerbrechlichkeit: um eine Verstrickung zwischen Prozeßerhaltung und Prozeßumformung.
Somit lautet die Frage nicht mehr: Welcher Irrtum, welche Illusion, welches Vergessen, welche Legitimitätsmängel haben die Erkenntnis dazu geführt, Herrschaftswirkungen zu entfalten, wie sie sich in der modernen Welt des übermächtigen Einflusses manifestieren? Vielmehr wäre die Frage: Wie kann die Unlöslichkeit des Wissens und der Macht im Spiel der vielfältigen Interaktionen und Strategien zu Singularitäten führen, die sich aufgrund ihrer Akzeptabilitätsbedingungen fixieren, und zugleich zu einem Feld von möglichen Öffnungen und Unentschiedenheiten, von eventuellen Umwendungen und Verschiebungen, welches sie fragil und unbeständig macht, welche aus jenen Effekten Ereignisse macht?
Wie können die Zwangswirkungen, die jenen Positivitäten eignen - anstatt durch eine Rückkehr zur rechtmäßigen Bestimmung der Erkenntnis - innerhalb des konkreten strategischen Feldes, das sie herbeigeführt hat umgekehrt oder entknotet werden? Eine Haltungsfrage."
Michel Foucault, 1978
19 September, 2011
18 September, 2011
Subjekt I
“The man who believes that the secrets of the world are forever hidden lives in mystery and fear. Superstition will drag him down. The rain will erode the deeds of his life. But that man who sets himself the task of singling out the thread of order from the tapestry will by the decision alone have taken charge of the world and it is only by such taking charge that he will effect a way to dictate the terms of his own fate.”
— Cormac McCarthy
31 August, 2011
Moby-Dick II
Was der weiße Wal für Ahab war, habe ich schon angedeutet. Was er aber manchmal für mich war, blieb bislang ungesagt. Abgesehen von jenen Erwägungen, die sich bei Moby-Dick geradezu aufdrängten und eines Menschen Seele ab und an mit Bangen erfüllen mussten, war da noch ein anderer Gedanke oder vielmehr: ein vages, namenloses Grauen vor ihm. Es war das Weiß des Wals, das mich weit mehr als alles andere in Angst und Schrecken zu versetzen mochte. Aber wie kann ich mich hier nur verständlich machen? Schließlich muss ich mich irgendwie erklären und sei es nur tastend und andeutungsweise, sonst wären all diese Kapitel nichtig.
Also. Obschon das Weiß vieles Schöne aus dem Reiche der Natur noch veredelt und verfeinert, so als verleihe es ihm etwas ganz Eigenes und Besonderes, wie beim Marmor, Kamelien und Perlen, und obschon verschiedene Völker eine gewisse königliche Erhabenheit in dieser Farbe gesehen haben, und obschon das Weiß außerdem gar zum Zeichen der Freude geworden ist, und obschon diese Farbe in anderen menschlichen Bezügen und Beziehungen zum Sinnbild manch edler und anrührender Eigenschaften wurde - der Unschuld der Braut, der Milde des Alters, obschon es selbst in den tiefsten Mysterien der erhabensten Religionen zum Sinnbild göttlicher Macht und Makellosigkeit wurde und obschon den Erlösten in der Offenbarung des Johannes weiße Kleider gegeben werden, und die 24 Ältesten angetan mit weißen Kleider vor dem großen, weißen Stuhl und dem Heiligen stehen, der dort sitzet, wie weiße Wolle, trotz all der hier aufgehäuften Anklänge an alles, was anmutig und ehrenvoll und erhaben ist, lauert doch in der innersten Vorstellung von diesem Farbton etwas Ungreifbares, das die Seele stärker in Panik versetzt als jenes Rot des Blutes, das soviel Furcht erregt.
Dieses Ungreifbare ist es, was dazu führt, dass der Gedanke an die Farbe Weiß, sobald er freundlicherer Verbindungen entkleidet ist und mit etwas in sich Schrecklichem gepaart wird, diesen Schrecken bis zum Äußersten steigert. Wie mag das kommen? Schließlich legt in einigen Fällen auch die menschliche Erfahrung, das gemeinsame Erbe des ganzen Geschlechts Zeugnis vom Unheimlichen dieser Farbe ab. Es steht wohl außer Zweifel, dass es beim Anblick eines Toten die marmorne Blässe des Leichnams ist, die den Betrachter am stärksten Erschauern lässt. Geradeso, als zeige sie das Zittern und Zagen im Jenseits ebenso an, wie die Todesfurcht hier im Diesseits.
Doch haben wir den Zauber dieses Weiß noch nicht entschlüsselt und nicht herausgefunden, warum es die Seele so sehr in den Bann schlägt und - was seltsamer und viel verhängnisvoller ist - warum es, wie wir gesehen haben, zugleich das bedeutungsvollste Sinnbild des Geistigen, nein, mehr noch, schlechthin der Schleier der Christengottheit ist. Und dennoch auch die Kraft, die alles noch verstärkt, was die Menschheit am meisten erschauern lässt. Ist es so, dass das Weiß durch seine Unbestimmtheit, die herzlose Leere und unermessliche Weite des Weltalls andeutet und uns so den Gedanken an Vernichtung wie einen Dolch in den Rücken stößt, wenn wir in die weißen Tiefen der Milchstraße blicken?
Ist es so, dass Weiß seinem Wesen nach nicht so sehr eine Farbe ist, als viel mehr die sichtbare Abwesenheit von Farbe und zugleich die Summe aller Farben? Dass deshalb eine weite Schneelandschaft dem Auge eine so öde Leere bietet, die doch voller Bedeutung ist? Eine farblose All-Farbe der Gottlosigkeit vor der wir zurückschrecken. Dieses Unangreifbare ist es, was dazu führt, dass der Gedanke an die Farbe Weiß sobald er freundlicherer Verbindungen entkleidet ist und mit etwas in sich Schrecklichem gepaart wird, diesen Schrecken bis zum Äußersten steigert.
Und für all dies war Moby-Dick, der weiße Wal, das Symbol.
Herman Melville, Übersetzung: Matthias Jendis
Gilgamesh
Ich war allein. Und beim Gehen verstand ich, was die Menschen mit den Göttern meinen. Es ist das Licht und wie es aus den Felsen bricht und sich gleißend auf alles legt, um es unter seiner Weißglut auszubrennen.
Das Schreckliche an diesem Widerschein der Götter ist die blendende Dichte, die es den Dingen leiht. Sie zerfällt, wenn man sie greifen will mit der Hand wie feine Asche.
Übersetzung: Raoul Schrott
Das Schreckliche an diesem Widerschein der Götter ist die blendende Dichte, die es den Dingen leiht. Sie zerfällt, wenn man sie greifen will mit der Hand wie feine Asche.
Übersetzung: Raoul Schrott
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Sprache
Moby-Dick
Denn mögen auch kleinere Gebäude von ihren ursprünglichen Architekten vollendet werden - die Großen und Erhabenen, die WAHREN Bauwerke überlassen den Schlussstein stets der Nachwelt.
Da sei Gott vor, dass ich jemals etwas zur Vollendung brächte. Mein ganzes Buch ist nur ein Entwurf - nein, nur der Entwurf zu einem Entwurf. Ach - Zeit, Kraft, Geld und Geduld.
Herman Melville, Übersetzung: Matthias Jendis
Da sei Gott vor, dass ich jemals etwas zur Vollendung brächte. Mein ganzes Buch ist nur ein Entwurf - nein, nur der Entwurf zu einem Entwurf. Ach - Zeit, Kraft, Geld und Geduld.
Herman Melville, Übersetzung: Matthias Jendis
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10 August, 2011
25 Juli, 2011
24 Juli, 2011
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03 Juli, 2011
01 Juli, 2011
Heimat und das Böse 2
Billie Holiday, "Strange Fruit"
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Heimat und das Böse 1
Nina Simone, "Mississippi Goddam"
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30 Juni, 2011
Zeit 2 - Ilya Prigogine
ILYA PRIGOGINE (Das Paradox der Zeit, 1993)Prigogine war ein russisch-belgischer Physikochemiker, Philosoph und Nobelpreisträger. Seine Arbeiten über Dissipative Strukturen, Selbstorganisation und Irreversibilität haben auch außerhalb der Chemie einen nachhaltigen Einfluss ausgeübt.
Stephen Hawking kommt in seinem Buch 'Eine kurze Geschichte der Zeit' zu dem Schluss, dass wir uns dem Augenblick nähern, da wir Gottes Plan erkennen werden. Dann würden wir, so Hawking, an Gottes zeitloser Sicht des Universums teilhaben, und wir würden die ewige Notwendigkeit jenseits der Erscheinungen des Werdens begreifen. Diese Sicht der Dinge ist Ausdruck der traditionellen Auffassung vom letzen Ziel der Physik: ein geradzu magisches Supergesetz, aus dem wir alle Formen der physikalischen Realität ableiten könnten, von den Elementarteilchen und den Photonen bis hin zu den chemischen Elementen und den Schwarzen Löchern. Eine solche Theorie von allem (Theory of everything) würde das Universum auf eine Identität reduzieren, eine fundamentale, geometrische und zeitlose Beschreibung.
Die Zeit ist die grundlegende Dimension unseres Daseins. Mit ihrer Einbeziehung in das theoretische Schema der Galileischen Physik beginnt die moderne Wissenschaft. Mit diesem Erfolg beginnt aber auch das Problem, die Leugnung des Pfeils der Zeit: Die Zeit, die in den großen Gesetzen der Physik - von der klassischen Dynamik über die Relativität bis zur Quantenphysik - vorkommt, kennt keinen Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft!
Doch bei allen Erscheinungen, mit denen wir es zu tun haben, sei es in der makroskopischen Physik, der Biologie, der Geologie oder den Humanwissenschaften, haben Zukunft und Vergangenheit eine unterschiedliche Bedeutung. Nichtphysikern mag dieses Problem merkwürdig vorkommen. Wie kann die Physik, die ja hohe experimentelle Anforderungen stellt und von einem engen Zusammenhang zwischen Theorie und Erfahrung ausgeht, den Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft leugnen? Um diese Frage zu beantworten, muss man auf den ideologischen Hintergrund der Physik eingehen.
In der Gleichsetzung von Wissenschaft mit der Suche nach den 'Naturgesetzen' muss man wohl den Urgedanken der abendländischen Wissenschaft sehen. Der Prototyp eines universalen Naturgesetzes ist das Newtonsche Gesetz, nach dem die Beschleunigung der Kraft proportional ist. Es hat zwei grundlegende Merkmale. Es ist deterministisch: Wenn wir die Anfangsbedingungen kennen, können wir die Bewegung vorhersagen. Und es ist zeitlich reversibel: Es gibt keinen Unterschied zwischen Vorhersage und rückwirkender Vorhersage; die Bewegung hin zu einem zukünftigem Zustand und die umgekehrte Bewegung, die von diesem Zustand aus zu den Anfangsbedingungen zurückführt, sind gleichwertig.
Die Idee, dass die Welt Gesetzen unterworfen sein könnte, trat nach und nach im abendländischen Denken hervor. Sie kann teilweise auf die Stoiker zurückgeführt werden, die das Schicksalhafte betonten. Eine wichtige Rolle spielte aber auch der christliche Gott, der als allmächtiger Gesetzgeber aufgefasst wurde. Für Gott ist alles gegeben. Neues, Handlungsalternativen und spontane Handlungen gibt es nur aus unserer menschlichen Sicht. Diese theologische Sichtweise schien durch die Entdeckung der dynamischen Bewegungsgesetze vollkommen bestätigt zu werden. Theologie und Wissenschaft stimmten überein. Leibniz schrieb: Augen, die so durchdringend wären wie die Gottes, könnten den gesamten Gang der Dinge im Universum, die sind, die waren und die in Zukunft geschehen werden, in der geringsten Substanz ablesen. Mit der Entdeckung der unwandelbaren deterministischen Gesetze der Natur kam die menschliche Erkenntnis folglich der göttlichen, zeitlosen Sicht näher.
Dieses Programm hat sich als ungeheuer erfolgreich erwiesen. Dennoch ist während der ganzen Geschichte des abendländischen Denkens immer wieder die eine Frage gestellt worden: Wie ist das Neue, das im menschlichen Leben eine so zentrale Bedeutung hat, in einer von deterministischen Gesetzen beherrschten Welt zu erklären? Weit vor dem Anfang der modernen Wissenschaft wurde diese Frage aufgeworfen. Damit Neues entstehen kann, führte der Atomist Lukrez den 'clinamen' ein, der den deterministischen Fall der Atome durch die Leere stört: Wenn die Körper senkrecht nach unten durch die Leere bewegt werden durch ihr eigenes Gewicht, dann weichen sie zu unbestimmter Zeit und an einem unbestimmten Orte nur eben ein wenig von ihrer Bahn ab, gerade nur so viel, dass man sagen könnte, die Bewegung habe sich verändert. Diese Berufung auf den clinamen ist vielfach kritisiert worden; damit werde ein willkürliches Element in die atomistische Beschreibung eingeführt. Doch 2000 Jahre später lesen wir bei Einstein im Zusammenhang mit der spontanen Emission von Licht durch angeregte Atome eine ähnliche Äußerung: 'Die Zeit und die Richtung der elementaren Prozesse sind vom Zufall bestimmt.'
Der clinamen und die spontane Emission von Licht sind Ereignisse, die einer probabilistischen Beschreibung entsprechen. Ereignisse und Wahrscheinlichkeiten werden gefordert von einer evolutionären Beschreibung, sei es die der Darwinschen Evolution oder die der menschlichen Geschichte. Ereignisse sind, wie wir noch sehen werden, auch mit dem thermodynamischen Pfeil der Zeit im Bereich der gleichgewichtsfernen Prozesse verbunden. Können wir über Lukrez und Einstein, die den deterministischen Gesetzen Ereignisse 'hinzufügten', hinausgehen? Können wir den Begriff des physikalischen Gesetzes dahin gehend abändern, dass Irreversibilität, Ereignisse und der Pfeil der Zeit zu Bestandteilen unserer fundamentalen Beschreibung der Natur werden?
Das würde bedeuten, dass wir die Naturgesetze grundlegend anders formulieren müssten. Zwei Formulierungen der physikalischen Gesetze gab es bereits: die eine beruhte auf der Untersuchung von Wellenfunktionen wie bei Newton, die andere auf der Ensembletheorie von Gibbs und Einstein. Wir formulieren jetzt eine dritte Formulierung, die einen völlig anderen Status hat: Sie bezieht sich nur auf Ensembles, und sie gilt nur für chaotische Systeme.
Was sind chaotische Systeme?
Es gibt stabile dynamische Systeme und instabile. Ein reibungsloses Pendel ist stabil, da geringe Störungen nur geringfügige Folgen haben, doch bei einer sehr großen Klasse, ja sogar bei der großen Mehrheit aller dynamischen Systeme werden geringe Störungen verstärkt. Ein extremer Fall sind 'chaotische Systeme', wo die Beschreibung durch Bewegungsbahnen versagt, da Bewegungsbahnen, die anfangs bliebig eng benachbart sind, mit der Zeit exponentiell voneinander abweichen. Die probabilistische Beschreibung, die wir für chaotische Systeme ableiten, ist irreduzibel, sie kann nicht auf einzelne Bewegungsbahnen angewandt werden. Außerdem spielen Vergangenheit und Zukunft in dieser irreduziblen probabilistischen Darstellung eine unterschiedliche Rolle. Das Chaos führt also zur Einbeziehung des Pfeils der Zeit in die grundlegende dynamische Beschreibung.
Diese neue Formulierung der Dynamik bringt einen einschneidenden Wandel des Konzepts der 'Naturgesetze' mit sich. Diese drücken jetzt nicht länger Gewißheiten, sondern Möglichkeiten aus, und sie führen in die Sprache der Physik ein narratives Element ein, das mit der Idee des Ereignisses zusammenhängt, die von der herkömmmlichen Formulierung nur als Illusion oder als Ergebnis einer approximativen Beschreibung verstanden werden konnte. Sowohl die dynamische Welt - Bastion der zeitlosen geometrischen Beschreibung, die in den 'harten' Wissenschaften dominierte - als auch die historische Welt der menschlichen Angelegenheiten unterliegen jetzt einer gemeinsamen evolutionären Sichtweise.
28 Juni, 2011
15 Juni, 2011
12 Juni, 2011
11 Juni, 2011
10 Juni, 2011
09 Juni, 2011
08 Juni, 2011
Geschlossen für Fragen an Offene...
Dieter Hildebrandt stellt sich vor, was Herbert Wehner wohl zu den Reaktionen der Medien und einiger Politiker nach dem rechtsradikalen Anschlag auf den Passauer Polizeipräsidenten gesagt hätte...
Verschlossen für offene Fragen
Herbert Wehner will nicht antworten... (1980)
Offen für geschlossene Fragen
Willy Brandt wurde vorher von Friedrich Nowottny gebeten,
sich kurz zu fassen... (1972)
Eher verschlossen
Der Moderator des Aktuellen Sportstudios Rainer Günzler
im Gespräch mit dem Boxer Norbert Grupe (1969).
02 Juni, 2011
01 Juni, 2011
26 Mai, 2011
Zeit 1 - Augustinus
AUGUSTINUS (Bekenntnisse, ca. 400 n. Chr.)
Augustinus von Hippo war einer der bedeutendsten christlichen Kirchenlehrer und ein wichtiger Philosoph. Seine "Bekenntnisse" (Confessiones) gehören zu den einflussreichsten autobiographischen Texten der Weltliteratur. Seine Auffassung der Zeitlichkeit hat auch nach 1600 Jahren nichts von seiner gedanklichen Schärfe und methodischen Klarheit verloren.
"Jetzt will ich antworten auf die Frage: 'Was machte Gott, bevor er Himmel und Erde machte?' Ich gebe nicht das zur Antwort, was jemand gesagt haben soll, der mit einem Witz der schwierigen Frage ausweichen wollte und sagte: 'Er baute eine Hölle für die Leute, die zu hohe Dinge erforschen wollen.' Ich hingegen sage, du, unser Gott, seist der Schöpfer aller Kreatur, und wenn man unter dem Wort "Himmel und Erde' alle Kreatur versteht, sage ich voller Zuversicht: Bevor er etwas machte, machte er nichts. Denn eben die Zeit hattest du gemacht, und es konnten keine Zeiten vorübergehen, bevor du die Zeiten gemacht hattest.
Es gab also keine Zeit, in der du nichts gemacht hättest, denn du hast die Zeit selbst gemacht. Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemandem auf seine Frage hin erklären soll, weiß ich es nicht. Dennoch sage ich zuversichtlich, ich wisse, wenn nichts vorüberginge, dann gäbe es keine Vergangenheit, und wenn nichts herankäme, gäbe es keine Zukunft, und wenn gar nichts wäre, dann gäbe es auch keine Gegenwart. Aber auf welche Weise sind denn diese beiden Zeiten, die Vergangenheit und die Zukunft, wenn doch das Vergangene schon nicht mehr und das Zukünftige noch nicht ist? Denn eine Gegenwart, die immer gegenwärtig bliebe und nicht überginge in die Vergangenheit, wäre nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit. Wenn also die Gegenwart nur dadurch Zeit ist, dass sie in die Vergangenheit übergeht, wie können wir also von ihr sagen, sie sei, wo doch der Grund ihres Seins der ist, dass sie nicht sein wird? So können wir in Wahrheit von der Zeit nur sagen, sie sei, weil sie zum Nichtsein übergeht.
Und doch reden wir von langer und kurzer Zeit, allerdings nur bei Vergangenem und Zukünftigem. Sehen wir also zu, menschliche Seele, ob die gegenwärtige Zeit lang sein kann, denn es wurde dir die Fähigkeit gegeben, Dauer zu empfinden. Was antwortest du mir wohl? Etwa, hundert gegenwärtige Jahre sei eine lange Zeit? Aber sieh vorher zu, ob hundert Jahre gegenwärtig sein können. Sieh ebenfalls, ob auch nur das laufende Jahr gegenwärtig ist. Aber auch der jetzige Monat ist nicht gegenwärtig. Und auch kein einziger Tag ist ganz gegenwärtig. Und selbst die Stunde besteht selbst wieder aus flüchtigen Teilchen. Was von ihr verflogen ist, ist vergangen; was von ihr bleibt, ist zukünftig. Entdecken wir etwas an der Zeit, was in keine, aber auch nicht in die geringsten Augenblickteile geteilt werden kann, dann ist dies das einzige, was 'gegenwärtig' heißen sollte.
Aber dies fliegt so rasch aus der Zukunft in die Vergangenheit hinüber, dass es sich zu keiner Dauer dehnt. Dehnt es sich, zerfällt es in Vergangenes und Künftiges; das Gegenwärtige hat aber keine Ausdehnung. Und dennoch, Herr, nehmen wir Zeiträume wahr, vergleichen sie untereinander und nennen die einen länger, die anderen kürzer. Ich frage hier nur, Vater, ich behaupte nichts. Gibt es jemanden, der mir zeigen will, es gebe nicht drei Zeiten, wie wir es als Kinder gelernt haben, nämlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern nur die Gegenwart?
In strengem Sinne müsste man wohl sagen: Es gibt drei Zeiten, eine Gegenwart von Vergangenem, eine Gegenwart von Gegenwärtigem und eine Gegenwart von Zukünftigem. Diese drei sind nämlich in der Seele wirklich vorhanden: Erinnerung an Vergangenes, Anschauen von Gegenwärtigem, Erwartung von Zukünftigem. Dann mag auch jemand sagen: 'Es gibt drei Zeiten: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.' Ich tadle niemanden, solange man nur einsieht, was man da sagt: nämlich dass weder das Zukünftige noch das Vergangene existiert. Wir drücken uns ohnehin selten genau aus. Vieles sagen wir ungenau, aber man weiß schon, was wir sagen wollten.
Der Geist erwartet also, erfährt und erinnert sich. So kann das, was er erwartet, auf dem Weg über das, was er erfährt, übergehen in das, woran er sich erinnert. Zweifellos existiert Zukünftiges noch nicht, aber im Geist existiert die Erwartung zukünftiger Dinge. Zweifellos existiert das Vergangene nicht mehr, aber im Geist existiert noch die Erinnerung ans Vergangene. Zweifellos fehlt der Gegenwart jede Ausdehnung, da sie im Augenblick vorbeigeht, aber was Dauer behält, ist die Aufmerksamkeit, durch die hindurch das Kommende übergeht ins Gewesene.
Ich will ein Lied vortragen, das ich kenne. Bevor ich beginne, richtet sich meine Erwartung auf das Ganze. Habe ich damit begonnen, dann richtet sich mein Gedächtnis auf den Teil, den ich zum Vergangenen hinübergelegt habe. Das Leben dieser meiner Tätigkeit spaltet sich dann auf in die Erinnerung an das bereits von mir Gesungene und in die Erwartung dessen, was ich noch singen werde. Gegenwärtig dabei ist nur meine Aufmerksamkeit, durch die hindurch das, was zukünftig war, in die Vergangenheit hinüberläuft. Je mehr das geschieht, um so mehr verkürzt sich die Erwartung und um so mehr verlängert sich die Erinnerung - im Lied wie im Leben - bis die ganze Erwartung verbraucht ist, weil die ganze Tätigkeit zu Ende gekommen und in die Erinnerung eingetreten ist. Und was so mit dem Lied geschieht, das wiederholt sich in jeder Tätigkeit, und im ganzen Leben des Menschen, dessen Teile alle Handlungen des Menschen sind.
Jetzt aber vergehen meine Jahre unter Stöhnen, doch du, Herr, mein Trost, mein Vater, bist ewig. Ich hingegen, ich zerrinne in den Zeiträumen, deren Abfolge ich nicht kenne. Gewiss, gäbe es einen Geist von so großem Wissen und Vorherwissen, der alles Vergangene und Zukünftige so kennte, wie ich das eine, ganz vertraute Lied, dann wäre das ein überaus staunenswerter Geist, den wir mit Schrecken bewunderten. Aber es sei fern, dass du, der Begründer des Universums, der Begründer der Seelen und der Körper, fern sei es, dass du auf diese Weise Zukünftiges und Vergangenes kenntest. Wer ein bekanntes Lied singt, dem ändert sich beim Erwarten der kommenden Klänge und in der Erinnerung an die verklungenen Klänge die Stimmung, und sein Sinn spaltet sich auf. Aber dir, dem unveränderlich Ewigen, also dem wahrhaft ewigen Schöpfer, geschieht so etwas nicht. So wie du im Ursprung Himmel und Erde kennst, ohne dass deine Kenntnis sich änderte, so hast du im Ursprung Himmel und Erde gemacht, ohne dass deine Handlung sich aufspaltete.
Wie erhaben bist du, Herr, in Ewigkeit."
Augustinus von Hippo war einer der bedeutendsten christlichen Kirchenlehrer und ein wichtiger Philosoph. Seine "Bekenntnisse" (Confessiones) gehören zu den einflussreichsten autobiographischen Texten der Weltliteratur. Seine Auffassung der Zeitlichkeit hat auch nach 1600 Jahren nichts von seiner gedanklichen Schärfe und methodischen Klarheit verloren.
"Jetzt will ich antworten auf die Frage: 'Was machte Gott, bevor er Himmel und Erde machte?' Ich gebe nicht das zur Antwort, was jemand gesagt haben soll, der mit einem Witz der schwierigen Frage ausweichen wollte und sagte: 'Er baute eine Hölle für die Leute, die zu hohe Dinge erforschen wollen.' Ich hingegen sage, du, unser Gott, seist der Schöpfer aller Kreatur, und wenn man unter dem Wort "Himmel und Erde' alle Kreatur versteht, sage ich voller Zuversicht: Bevor er etwas machte, machte er nichts. Denn eben die Zeit hattest du gemacht, und es konnten keine Zeiten vorübergehen, bevor du die Zeiten gemacht hattest.
Es gab also keine Zeit, in der du nichts gemacht hättest, denn du hast die Zeit selbst gemacht. Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es jemandem auf seine Frage hin erklären soll, weiß ich es nicht. Dennoch sage ich zuversichtlich, ich wisse, wenn nichts vorüberginge, dann gäbe es keine Vergangenheit, und wenn nichts herankäme, gäbe es keine Zukunft, und wenn gar nichts wäre, dann gäbe es auch keine Gegenwart. Aber auf welche Weise sind denn diese beiden Zeiten, die Vergangenheit und die Zukunft, wenn doch das Vergangene schon nicht mehr und das Zukünftige noch nicht ist? Denn eine Gegenwart, die immer gegenwärtig bliebe und nicht überginge in die Vergangenheit, wäre nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit. Wenn also die Gegenwart nur dadurch Zeit ist, dass sie in die Vergangenheit übergeht, wie können wir also von ihr sagen, sie sei, wo doch der Grund ihres Seins der ist, dass sie nicht sein wird? So können wir in Wahrheit von der Zeit nur sagen, sie sei, weil sie zum Nichtsein übergeht.
Und doch reden wir von langer und kurzer Zeit, allerdings nur bei Vergangenem und Zukünftigem. Sehen wir also zu, menschliche Seele, ob die gegenwärtige Zeit lang sein kann, denn es wurde dir die Fähigkeit gegeben, Dauer zu empfinden. Was antwortest du mir wohl? Etwa, hundert gegenwärtige Jahre sei eine lange Zeit? Aber sieh vorher zu, ob hundert Jahre gegenwärtig sein können. Sieh ebenfalls, ob auch nur das laufende Jahr gegenwärtig ist. Aber auch der jetzige Monat ist nicht gegenwärtig. Und auch kein einziger Tag ist ganz gegenwärtig. Und selbst die Stunde besteht selbst wieder aus flüchtigen Teilchen. Was von ihr verflogen ist, ist vergangen; was von ihr bleibt, ist zukünftig. Entdecken wir etwas an der Zeit, was in keine, aber auch nicht in die geringsten Augenblickteile geteilt werden kann, dann ist dies das einzige, was 'gegenwärtig' heißen sollte.
Aber dies fliegt so rasch aus der Zukunft in die Vergangenheit hinüber, dass es sich zu keiner Dauer dehnt. Dehnt es sich, zerfällt es in Vergangenes und Künftiges; das Gegenwärtige hat aber keine Ausdehnung. Und dennoch, Herr, nehmen wir Zeiträume wahr, vergleichen sie untereinander und nennen die einen länger, die anderen kürzer. Ich frage hier nur, Vater, ich behaupte nichts. Gibt es jemanden, der mir zeigen will, es gebe nicht drei Zeiten, wie wir es als Kinder gelernt haben, nämlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern nur die Gegenwart?
In strengem Sinne müsste man wohl sagen: Es gibt drei Zeiten, eine Gegenwart von Vergangenem, eine Gegenwart von Gegenwärtigem und eine Gegenwart von Zukünftigem. Diese drei sind nämlich in der Seele wirklich vorhanden: Erinnerung an Vergangenes, Anschauen von Gegenwärtigem, Erwartung von Zukünftigem. Dann mag auch jemand sagen: 'Es gibt drei Zeiten: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.' Ich tadle niemanden, solange man nur einsieht, was man da sagt: nämlich dass weder das Zukünftige noch das Vergangene existiert. Wir drücken uns ohnehin selten genau aus. Vieles sagen wir ungenau, aber man weiß schon, was wir sagen wollten.
Der Geist erwartet also, erfährt und erinnert sich. So kann das, was er erwartet, auf dem Weg über das, was er erfährt, übergehen in das, woran er sich erinnert. Zweifellos existiert Zukünftiges noch nicht, aber im Geist existiert die Erwartung zukünftiger Dinge. Zweifellos existiert das Vergangene nicht mehr, aber im Geist existiert noch die Erinnerung ans Vergangene. Zweifellos fehlt der Gegenwart jede Ausdehnung, da sie im Augenblick vorbeigeht, aber was Dauer behält, ist die Aufmerksamkeit, durch die hindurch das Kommende übergeht ins Gewesene.
Ich will ein Lied vortragen, das ich kenne. Bevor ich beginne, richtet sich meine Erwartung auf das Ganze. Habe ich damit begonnen, dann richtet sich mein Gedächtnis auf den Teil, den ich zum Vergangenen hinübergelegt habe. Das Leben dieser meiner Tätigkeit spaltet sich dann auf in die Erinnerung an das bereits von mir Gesungene und in die Erwartung dessen, was ich noch singen werde. Gegenwärtig dabei ist nur meine Aufmerksamkeit, durch die hindurch das, was zukünftig war, in die Vergangenheit hinüberläuft. Je mehr das geschieht, um so mehr verkürzt sich die Erwartung und um so mehr verlängert sich die Erinnerung - im Lied wie im Leben - bis die ganze Erwartung verbraucht ist, weil die ganze Tätigkeit zu Ende gekommen und in die Erinnerung eingetreten ist. Und was so mit dem Lied geschieht, das wiederholt sich in jeder Tätigkeit, und im ganzen Leben des Menschen, dessen Teile alle Handlungen des Menschen sind.
Jetzt aber vergehen meine Jahre unter Stöhnen, doch du, Herr, mein Trost, mein Vater, bist ewig. Ich hingegen, ich zerrinne in den Zeiträumen, deren Abfolge ich nicht kenne. Gewiss, gäbe es einen Geist von so großem Wissen und Vorherwissen, der alles Vergangene und Zukünftige so kennte, wie ich das eine, ganz vertraute Lied, dann wäre das ein überaus staunenswerter Geist, den wir mit Schrecken bewunderten. Aber es sei fern, dass du, der Begründer des Universums, der Begründer der Seelen und der Körper, fern sei es, dass du auf diese Weise Zukünftiges und Vergangenes kenntest. Wer ein bekanntes Lied singt, dem ändert sich beim Erwarten der kommenden Klänge und in der Erinnerung an die verklungenen Klänge die Stimmung, und sein Sinn spaltet sich auf. Aber dir, dem unveränderlich Ewigen, also dem wahrhaft ewigen Schöpfer, geschieht so etwas nicht. So wie du im Ursprung Himmel und Erde kennst, ohne dass deine Kenntnis sich änderte, so hast du im Ursprung Himmel und Erde gemacht, ohne dass deine Handlung sich aufspaltete.
Wie erhaben bist du, Herr, in Ewigkeit."
25 Mai, 2011
Incredible Shots 1
Szene aus Andrej Tarkowskijs "Der Spiegel". Unglaublich.
18 Mai, 2011
Von der Unwucht, die das Leben bekommen kann
"Die Dinge sind, wie sie sind." Dieses Aristoteles-Zitat stellt Ferdinand von Schirach seinem neuen Erzählband Schuld voran. Wie schon in Verbrechen berichtet der Strafverteidiger in kurzen Geschichten von Ereignissen die er (so oder so ähnlich) selbst erlebt hat. In einer nüchternen, unaufgeregten Sprache seziert er verschiedene Fälle und ihre Geschichte. Schirach tut dies in einer Weise, die eine einfache, oberflächliche Wertung der Geschehnisse unmöglich macht. Oft handelt es sich um Verbrechen, bei denen ich mir gut vorstellen kann, dass ich sie auch selbst hätte verüben können, wenn ich in der gleichen Situation gesteckt hätte.
Der genauen Schilderung der Tat widmet Schirach viel Aufmerksamkeit. Er erzählt den Werdegang - einfach und klar. Er schildert Vorgeschichten, Motive, Ängste. Die titelgebende juristische Kategorie - die Schuld - spielt dabei eine merkwürdig ambivalente Rolle. Schirach richtet und urteilt nicht. In einem Interview antwortete Schirach auf die Frage, ob er sich in den Jahren seiner Tätigkeit als Strafverteidiger verändert habe, er urteile nicht mehr über Menschen, er betrachte sie. Das sei der entscheidende Perspektivwechsel, den er vollzogen habe.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Schirach konfrontiert uns mit einer Haltung, die sich des Urteilens enthält. Es handelt sich um einen Blick auf die Dinge, der sie sein lässt, was sie sind. Dieser Blick ist wichtig, ermöglicht er doch auf gewisse Weise überhaupt erst die Eröffnung des Rechtraumes und des zivilisierten Umgangs miteinander. Erst die Distanz zu den Dingen lässt es möglich werden, Prozesse zu führen, die fernab der Rache Recht sprechen. Die schiere Betrachtung gehört zum lebendigen Prozess der Rechtspraxis. Tatsächlich ist es wohl so, dass Schuld nur innerhalb einer solchen 'distanzierten' Praxis festgestellt werden kann.
Und so gilt Schirach's Plädoyer der Idee, dass es so etwas wie Schuld nur innerhalb einer Rechtspraxis geben kann, die es sich zur Aufgabe macht, einen distanzierten Blick zu wahren, durch welchen es möglich wird, den einzelnen Menschen in seinem einmaligen Lebensweg zu betrachten. Denn nur sol lässt sich die Idee der Schuld mit der Idee der Würde vereinbaren.
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